Beiträge zu “Kitsch”

Neulich abends war er weg. Einfach so.

Die an allen ungeschützten Stellen des Körpers nagende Kälte und die fast greifbare Dunkelheit, die den Frankfurter Westbahnhof an winterlichen Abenden beherrschen, gewannen mit einem Schlag neue Qualitäten. Albern, sagte ich mir, sich Gedanken über einen Plastikkitschengel zu machen, der im Fenster eines in hässlichstem Schmutzgelb verklinkerten Bahnhofsgebäudes steht. Und noch viel alberner, sein Verschwinden zu bedauern.

Einige Tage später, als ich schon fast vergessen habe, dass er nicht mehr da ist, sehe ich ihn wieder. Im Bahnhofscafébistroschnellimbissdingens. Mitten im Raum sitzt er, auf einem Tisch, sein Plastikbuch lesend. Noch während ich mein Handy gezückt halte, um ein Beweisfoto von fragwürdiger Qualität zu schießen, spricht die Pächterin mich an.

“Unser Engelchen. Goldig, nicht?” sagt sie freundlich.

Dass ich ihn eigentlich ziemlich grenzwertig finde, will ich ihr nicht einfach so ins Gesicht sagen, schließlich haben wir keine offenen Rechnungen.

“Ich habe ihn immer vom Bahnsteig aus im Fenster stehen sehen und mich gewundert, wohin er verschwunden ist”, entgegne ich stattdessen wahrheitsgemäß.

Sie lächelt, ich lächle zurück und verlasse das Café. Ich finde ihn noch immer kitschig, den goldbesprühten Plastikengel, und würde ihn mir nie auch nur in die Nähe meiner Wohnung stellen, so viel ist sicher.

Aber in einer der hinteren Ecken meiner Seele sitzt ein Teil, der sich immer noch über ihn freut.

Und ich lächle.

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– Was machst du denn hier?

– Ich sitze hier und lese mein Buch. Damit hättest du nicht gerechnet, hm?

– Wenn ich ehrlich bin: Nein, das habe ich wirklich nicht. Wie, ähm, geht’s den Goldlöckchen?

– Die nerven immer noch. Aber die Menschen, die hier hereinkommen, sind angenehmer als die, die am Fenster vorbeilaufen.

– Ich wusste gar nicht, dass du liest. Ich dachte, du würdest beschämt nach unten schauen, weil du dein Dasein an einem so tristen Ort fristen musst.

– Ich kann gar nicht lesen. Aber hier es ist angenehmer, in das Buch zu starren als in irgendeine andere Richtung. Außerdem: Auch Engel brauchen ihre kleinen Geheimnisse. Du kennst jetzt meines. Mist.

– Ich fürchte, ich werde es nicht für mich behalten können. Schließlich mag ich dich nicht besonders.

– Ach, weißt du, die Menschen hier, die mich angeblich goldig finden, sperren mich elf Monate im Jahr in eine Abstellkammer. Zugegeben, es gibt Tageslicht, aber das erhellt auch nur eine Umgebung, die man lieber in Dunkelheit gehüllt weiß.

– Halte mal kurz still.

– Wenn du mich nicht magst und so kitschig findest, wieso fotografierst du mich dann?

– Das geht dich nichts an.

– Ach, glaubst du vielleicht, nur weil ich aus weißem Plastik bin und Flügel habe, kannst du einfach meine Persönlichkeitsrechte verletzen?

– Du hast die Goldlöckchen vergessen.

– Und du hast wohl vergessen, dass du ganz schön sentimental sein kannst, wenn du nicht gerade gemein zu mir bist.

– Ich muss jetzt gehen. Wir sehen uns. Hier oder im Fenster.

– Jaja. Tschüss auch.

– War schön, dich wiederzusehen.

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All meinen Lesern, Mitbloggern und allen anderen wünsche ich wundervolle Feiertage!

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Eines vorneweg: Ich bin kein Freund von Kitsch.

Aber das, was mein Raketenwissenschaftlerkollege, der Herr Schütz, in seinem Japan-Urlaub auf Pixel gebannt hat, strahlt eine solch ungestellte Unschuld und Harmonie aus, dass ich es an dieser Stelle zum Einläuten der Vorweihnachtszeit einfach meinen Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben möchte.

japan
Bambi meets Japan-Heidi: Einfach verboten putzig.

Seid nett zueinander.

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Wer es noch nicht bemerkt haben sollte:

  1. Ich halte mich oft am Frankfurter Westbahnhof auf.
  2. Der Frankfurter Westbahnhof ist mit Abstand einer der hässlichsten Bahnhöfe, die ich kenne.

Umso interessanter ist es, an eben jenem Ort, an dem ich so oft bin und der mein Auge nicht selten durch seine schiere Existenz beleidigt, Dinge zu sehen, die ich nicht erwarte.


Eine dieser Überraschungen sitzt in einem der kleinen Fenster jenes Teils des Bauwerkes, der nur für Befugte zu betreten ist.

Kürzlich habe ich noch Böses über sie geschrieben, und im nächsten Moment mache ich selbst Fotos von ihnen.*

Und heute morgen bin ich zu ihm gegangen, um endlich ein Foto aus der Nähe zu schießen, nachdem ich mir das wochenlang schon vorgenommen hatte.

– Ui. Hey, Kleiner, was machst du denn da?

– Blöde Frage. Ich habe das Fenster geöffnet, weil hier drinnen einer gefurzt hat.

– Sitzt du etwa in der Betriebstoilette?

– Das geht dich nix an.

– Ich muss gestehen: Ich hatte mir Engel irgendwie gesprächiger vorgestellt. Und, äh, netter.**

– Dafür kann ich nichts.

– Äh, nein. Sicher nicht. Lass mich raten: Wenn es nach dir ginge, würdest du nicht dort sitzen.

– Bingo. Ich meine, schau dir das hier an. Ich sitze auf einer gottverlassenen Betriebstoilette. Alles hier ist hässlich. Die Menschen, die draußen vorbeigehen, sind in Eile oder betrunken. Oder beides. Sie sehen mich nicht einmal. Naja, alle außer dir. Und die Menschen hier drinnen haben anderes im Sinn als meine putzigen Goldlöckchen.

– Die Locken magst du auch nicht?

– Nein, die nerven. Die nerven wie Sau! Und erst die Flügel. Ewig diese Milben! Und wie das juckt!

– Wenn du in die Mauser kommst?

– Ja, mach’ dich nur lustig. Komm, sag’s nur: Das sind doch gar keine echten Federn.

– Wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ehrlich. Aber jetzt, da du’s erwähnst…

– Ach, Mann. Ich habe echt keinen Bock mehr. Holst du mich hier raus?

– Tut mir leid. Ich darf da nicht rein. Außerdem mag ich keine Putten.

– Na toll.

– Aber ich freue mich, dich morgen hier wiederzusehen.

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* Ich bitte, diese persönliche Entwicklung nicht mit Rückgratlosigkeit zu verwechseln.

** Also insgesamt englischer.

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Heimliche Satansverehrung unter Köchen – diese Zeiten scheinen endgültig vorbei zu sein.

So servierte Imbissbudenbesitzer S. jüngst beim Kirchentag ahnungslosen Christen angeblich Puttenwurst, Puttendöner und Puttenschnitzel.

“Sie haben mir das Zeug aus den Händen gerissen, als gäbe es kein Morgen.”

Autsch.


Subtil, aber gemein: Das Wiener Puttenschnitzel


Etwas weniger subtil, aber noch viel gemeiner: Puttenwurst.


Gar nicht mehr subtil, aber gerade unter Atheisten immer beliebter: Der Puttendöner.

Das Schönste: Die Rezepte sind frei verfügbar. Fluch des Internets! Bombenbaupläne, Nazipropaganda, Kinderpornografie und jetzt das! Ende von Anstand und Moral, Untergang des Abendlandes, Chaos und Terror!

Aber Spaß beiseite und ganz ehrlich: Die kleinen Kitschbälger haben es einfach nicht besser verdient.

Guten Appetit!

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Zählt und kostet nix.