Nach diesem Wochenende dürfen wir träumen. Wir Gefahrensucher dürfen davon träumen, bald in ein spanisches Restaurant in Amsterdam gehen zu dürfen, um dort ein argentinisches Filetsteak zu bestellen, und zwar englisch, bitte. Daumen drücken!
Am Mittwoch heißt es, einerlei,
ob Müller spielt oder Cacau,
ob wir in Rot spiel’n oder Blau,
bei Spanien – Deutschland null zu drei!
Mit einem überirdischen Fallrückzieher und einem speichelreich laut gedachten “Bamm!” zirkelte Robert, der heimliche Torschützenkönig der Kreisoberliga, das schwarzweiße Rundleder zwischen die Pfosten. Er landete dabei unsanft auf seinem Rücken, doch der Jubel, der ob seines kühnen Treffers aus den Rängen schallte, entschädigte ihn einfach für alles.
Ein paar wenige Buhrufe waren zu hören, doch die erhobenen Daumen, die einige Feldspieler Robert zeigten, ließen ihn das ignorieren. Und nicht nur das: Robert hätte auch um Haaresbreite seine Auswechslung verpasst.
Mit dem ungläubigen Gesichtsausdruck eines Schornsteinfegers, der gerade ein Nashorn auf einem Fahrrad hatte vorbeifliegen sehen, schlurfte Robert, der heimliche Torschützenkönig der Kreisoberliga, auf seinen Trainer zu.
“Warum wechselst du mich jetzt aus, im Moment meines Triumphes, und lässt den Einbeinigen Florian* spielen?”, fragte Robert empört. “Das war mein dreißigstes Tor diese Saison! Sieh’ nur, wie die Leute jubeln!”
Der Trainer jedoch schickte Robert unbeirrt auf die Bank, nicht ohne kräftig dabei zu fluchen und darauf hinzuweisen, dass es schlecht sei, bei einem Auswärtsspiel von der Mehrzahl der Zuschauer und den gegnerischen Feldspielern applaudiert zu bekommen, und dass dieses dreißigste Tor der Saison gleichzeitig sein verdammtnochmal fünfundzwanzigstes Eigentor gewesen sei, und dass er froh sein könne, dass Johnny Trittfest vom FC Dingsda gekauft worden sei, und die Vollidioten in Roberts Verein das für Johnny geplante Budget lieber in eine Stadionpommesbude und ihn, Robert, den heimlichen Torschützenkönig der Kreisoberliga, investiert hatten.
Robert, der heimliche Torschützenkönig der Kreisoberliga, winkte den Zuschauern auf der Haupttribüne zu und setzte sich traurig auf die Ersatzbank. Während der Einbeinige Florian ein Kopfballtor nach dem anderen schoss, dachte Robert sehnsüchtig an jene glanzvollen Zeiten, als er noch von einer Karriere als Konzertpianist und Mezzosopran an der Wiener Staatsoper träumte.
____________________________ * Der Einbeinige Florian hatte zwei bestens funktionierende, gesunde Beine, zog es jedoch vor, sich immer nur auf dem rechten fortzubewegen, und das linke hinter seinem Hintern hochzuhalten. Er verstand das als einen Teil seiner Altersvorsorge, schließlich würde er später ein unbenutztes, nahezu neuwertiges linkes Bein zur Verfügung haben. Und entgegen dessen, was Sie gerade denken, war der Einbeinige Florian durchaus in der Lage, Fußball zu spielen, auch wenn er den Ball am liebsten mit seinem Kopf annahm und oft auf seinen Händen lief.
Die kleine Kurstadt, in der ich meine privaten Raketenforschungen betreibe, ist derzeit belebter als sonst. Im Gegensatz zu manch anderen Tagen kann man im Moment wirklich nicht behaupten, dass hier der Bär stirbt.
Deutschland gewinnt, und der Marktplatz ist mit Menschen gefüllt. Bis nachts um zwei.
Die Türkei gewinnt, und hupende Autos beherrschen die Geräuschkulisse. Bis nachts um zwei.
Russland gewinnt, und Böller werden gezündet. Immer wieder. Bis nachts um zwei.
Herr Wolf feiert Geburtstag nach, und Raketenwissenschaftler sind schwer abzuschütteln. Bis nachts um vier.*
Und am heutigen Montag muss ich immer noch nicht zurück ins Raketenlabor. So wie den Rest der Woche auch. Heißa!
Aus gegebenem Anlass anbei noch die White Stripes mit ihrem Kracher “Seven Nation Army”, den das gröhlende Fußballvolk zur neuen Hyme erkoren hat. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich davon halten soll, aber der Song an sich rockt, und zwar so was von. Und das nur mit Gesang, Schlagzeug und einer Gitarre. Hut ab und abhotten!
_______________________________ *Zudem kann man mit Frau Wahl abendfüllende Gespräche über unspannende Bad Nauheimer Hinterhöfe führen, und Haselnussgeist, der wie Nutella riecht, ist der Leibhaftige.
Folgende fußballverbundene Pässe wurden mir zugespielt, um das Werk zu befüllen: “Jogi Löw” (Lichtträger), “Abseitsfallenschwalbengrätsche” (Pathologe), “Rückfallzieher” (Erdge Schoss) “Gewalt” (Marco) und “Schwalbenkönig” (Nachtwächter). Dann mache ich mich mal ans Verwandeln.
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Als ich neulich Fußball schaute
(und schauen, da geht es mir wie vielen,
kann viel besser ich als spielen)
sah ich Jogi Löw, dem graute.
Wovor, das werden Sie sich fragen,
ob es wohl am Schiri lag,
an Mario Gomez’ schlechtem Tag,
oder den Wettervorhersagen.
Doch alles dies ist weit gefehlt,
denn das, was Jogi hier so ätzte,
war ganz echt das Allerletzte.
(Später hat er’s mir erzählt.)
Käm’ der Jogi hier aus Hessen,
hätt’ er gesagt: “Ach Mädsche,
des war e Abseitsfallenschwalbengrätsche“, und hätte eine Worscht gegessen.
Die junge Frau, das war nicht ich,
die saß auch auf der Tribüne,
wo Jogi sitzen musst’ zur Sühne -
ist auch nicht so wichtig.
Der Jogi hatte sich ein wenig
pikiert gefühlt vom Hickersberger.
(Der nannte ihn doch voll von Ärger Schwalben- anstatt Schwabenkönig.)
Jogi fand das echt beschissen,
er schlug zurück – ohne Gewalt,
und wurde daraufhin alsbald
vom Schiri einfach rausgeschmissen.
“Dir mache ich”, und Jogi stand
“‘nen Rückfallzieher wie kein Zweiter!”
Dann ging er weg und immer weiter
mit Hickersberger Hand in Hand.
Jetzt wissen Sie in jedem Fall,
was den Jogi so bewegte,
und er dazu zu sagen pflegte -
auf geht’s gegen Portugal!